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Auf der Suche nach dem richtigen Anwalt

Ein ebenso treffender wie amüsanter Beitrag von Rechtsanwalt Detlev Stoffels, Paderborn 

Wenn Sie jemals der Hilfe bei einem juristischen Problem bedurften und nicht das Glück hatten, den Experten Ihres Vertrauens zu Ihrem Bekanntenkreis zu zählen, wissen Sie, wovon ich rede: Wie finde ich für meinen Fall den Anwalt, der sich in der Materie nicht nur theoretisch auskennt, sondern über eine erfolgreiche praktische Erfahrung verfügt, der meine Sorgen und Nöte ernst und sich Zeit für mich nimmt, dessen Rechnung mich nicht umbringt und zu dem man im übrigen in dieser, aufgrund des anstehenden Problems schweren und möglicherweise als existenzbedrohend empfundenen Lebenssituation, sogar noch einen menschlichen Draht aufbauen kann.

Jemanden mit diesen fachspezifischen und menschlichen Qualitäten zu finden, zumal unter der Berufsgruppe der Anwälte, scheint ein von vornherein unmöglich zum Erfolg führendes Unterfangen zu sein.

Naheliegend bietet sich als Suchhilfe das Nachfragen bei Freunden und Bekannten an, von denen man weiß, das sie sich erst kürzlich anwaltlicher Hilfe bedienen mussten. Die dort zu findenden, sicher gut gemeinten Ratschläge, helfen allerdings nicht unbedingt: Dass der Anwalt Ihres Nachbarn im nervenaufreibenden Kampf gegen die Haftpflichtversicherung des Unfallgegners diese schliesslich dazu zwingen konnte, den Blechschaden am Heck seines PKW´s zu regulieren, lässt Ihr Vertrauen in diesen Vertreter der anwaltlichen Zunft möglicherweise unberührt - jedenfalls dann, wenn Ihr Problem beispielsweise nicht aus dem Verkehr auf der Strasse resultiert, Sie also mehr auf einen Strafverteidiger angewiesen sind.

Immerhin hilft diese Form der Recherche Ihnen dabei, die Spreu vom Weizen zu trennen, beispielsweise wenn Ihr Arbeitskollege auf Ihre Nachfrage nach einem fähigen Arbeitsrechtsspezialisten, der Schritte gegen die unberechtigte Abmahnung des Arbeitgebers prüfen soll, von seinem Anwalt, der immerhin auf dem zur Debatte stehenden Rechtsgebiet eine Fachanwaltsqualifikation vorweisen kann, resignierend und mit wegwerfender Handbewegung abrät.

Gleichwohl vermag dieser Tip Sie nicht unbedingt zu überzeugen, insbesondere dann nicht, wenn Ihr Arbeitskollege Sie in stundenlangen Monologen in den vorhergehenden Wochen über sein Problem auf dem Laufenden gehalten hatte und Sie den Fall nach menschlichem Ermessen für völlig verkorkst und wenig aussichtsreich eingeschätzt hatten.

Wenn Freunde und Bekannten Ihnen in den Zeiten der Not nicht weiterhelfen können, bietet sich im Informationszeitalter der Blick in die virtuelle Welt an. Jede der Suchmaschinen im Netz präsentiert Ihnen, nach Eingabe einer Wortvariation des gesuchten Berufsstandes, Web-Sites im Überfluss - leider nicht nach Postleitzahlen sortiert, was Ihnen als gebürtigen und ansässigen Flensburger besonders sauer aufstösst, wenn Sie gerade mit einem Anwalt bzw. dessen Homepage zu sympathisieren begannen, um dann schliesslich unter dem Button Anfahrtsweg feststellen zu müssen, dass Traunstein für Sie doch zu weit vom Schuss liegt.

Schliesslich haben Sie sich zu einer speziellen Suchmaschine für Anwälte durchgekämpft, die es Ihnen ermöglicht, Postleitzahl- und Fachgebietssuche zu kombinieren und Ihnen eine beträchtliche Anzahl von Anwälten in Ihrer Nähe liefert.

Einmal so weit gekommen werden Sie feststellen, dass die Anwälte sich nicht nur mit wohlklingenden Fachanwaltsbezeichnungen für einige Rechtsgebiete schmücken dürfen, sondern darüber hinaus dazu neigen, ihre Kompetenz durch die Angabe von Tätigkeits- und Interessenschwerpunkten zu unterstreichen. Allerdings werden Sie Ausführungen dazu vermissen, wann denn ein Anwalt seinen Tätigkeitsschwerpunkt auf dem angegebenen Gebiet tatsächlich zu Recht angibt. Widmet er den grössten Teil seiner Arbeitszeit dem angegebenen Rechtsgebiet im Vergleich zu seiner sonstigen Tätigkeit?

Möglicherweise wird ein Anwalt diese Frage nach Annahme Ihres Mandates mit gutem Gewissen bejahen können, da er sich in dem von Ihnen nachgefragten Rechtsgebiet überhaupt nicht auskennt und sich erst einmal die Grundbegriffe - um ein Beispiel zu nennen - des Familienrechts erarbeiten muss, was natürlich mit einem erheblichen zeitlichen Arbeitsaufwand einhergeht. So jedenfalls werden Sie den Begriff Tätigkeitsschwerpunkt nicht verstanden haben.

Bei der Angabe der Interessenschwerpunkte wird Ihnen als kritischem Mitbürger ohnehin der Verdacht aufkommen, dass ein Anwalt statt der Begriffe Wirtschaftsrecht und Beratung von Unternehmen direkter und offener gleich hätte schreiben können Alles was viel Geld einbringt. Wer hätte daran kein Interesse. Nicht, dass Sie unreflektiert die Auffassung der Mehrheit teilen würden, Anwälte sein geldgierig, aber bekanntlich ist ja an jedem Gerücht auch etwas Wahres.

Da Ihnen also auch die neuen Medien bei der Suche nach einem Anwalt nicht entscheidend weiter geholfen haben, bleibt als Möglichkeit nur die Begegnung der Dritten Art, ein direkter Kontakt.

Sie rufen also bei einem Anwalt, dessen Namen bei Ihnen keine Assoziation mit Ihnen bekannten und unbeliebten Namensvettern auslöst, in der Kanzlei an, um einen Termin zu vereinbaren. Die Sekretärin am Telefon wird, nachdem sie die Namen der dort praktizierenden Rechtsanwälte mit einer unvorstellbaren Geschwindigkeit heruntergerattert hat, auf Ihre Frage, ob Sie einen Termin bei Herrn/Frau Rechtsanwalt/Rechtsanwältin Soundso bekommen könnten mit routinierter Freundlichkeit und einer Gegenfrage antworten: "In welcher Angelegenheit?" Nehmen wir einmal an, Ihr Problem sei strafrechtlicher Art - nichts dramatisches, aber eben doch unangenehm - und die Kanzlei befindet sich an Ihrem Wohnort und der Name der Sekretärin, den Sie bei dem Tempo zwar nicht genau verstanden haben, hörte sich zumindest so ähnlich an wie der Ihrer Nachbarin, bei der Sie sich schon immer gefragt hatten, welcher beruflichen Tätigkeit sie wohl nachgehen würde. Mit anderen Worten, Sie werden keinen übermässigen Drang verspüren hier am Telefon Ihr Problem in Form einer Lebensbeichte dar zu legen. Also werden Sie kurz und knapp antworten: "Es handelt sich um eine neue Sache."

Sofern die Sekretärin Sie daraufhin eine Oktave höher und mit spürbarer Beglückung in der Stimme fragt, ob Sie sofort kommen möchten oder ob es auch etwas später sein darf, werden Sie sich insgeheim die Frage stellen, wieviel neue Mandanten heute, diese Woche und in diesem Jahr wohl schon den Weg in diese Kanzlei gefunden haben. Ich werde doch wohl nicht der erste in diesem Jahr sein, werden Sie erschrocken denken, diesen Gedanken aber nach einem Blick aus dem Fenster, die Zierkirsche steht in voller Blüte, sofort wieder als absurd verdrängen.

Sie haben sich also entschlossen, den etwas späteren Termin wahrzunehmen, da Sie sich zunächst noch in Ruhe überlegen möchten, wie Sie dem Anwalt Ihren Sachverhalt am überzeugendsten darlegen, damit er Ihre Interessen möglichst effektiv vertreten kann.

Das unmittelbare Zusammentreffen mit der Kanzlei und dem Rechtsanwalt kann, je nach konkreter Ausgestaltung, Ihr Gefühlsleben auf höchst unterschiedliche Art und Weise berühren. Lassen Sie uns die Möglichkeiten, zugegeben etwas pauschalierend, in Variante a.) und Variante b.) untergliedern.

Bei der Variante a.) stellen Sie nach Eintreffen vor der Kanzlei und Betreten der Räumlichkeiten fest, dass nicht nur der Fahrzeugpark der Rechtsanwälte Exklusivität verbreitet, sondern auch die Räumlichkeiten selbst den diskreten oder weniger diskreten Charme der Bourgeoisie verströmen. Einerseits beruhigt Sie das, denn schließlich ist Luxus ein untrügliches Zeichen für Erfolg, andererseits ist Ihnen durchaus klar, dass all die schönen und kostbaren Dinge, die sich vor Ihren Augen auftun, bezahlt werden müssen. Woher die Anwälte das Geld haben und in Zukunft bekommen werden, ist Ihnen ebenfalls klar.

Bei der Variante b.) fehlt es am Luxus, was Sie im Hinblick auf Ihr Portemonnaie eigentlich beruhigen könnte, aber schliesslich möchten Sie Ihr Anliegen auch erfolgreich vertreten sehen und der im Warteraum an der Wand verrutschte Farbdruck mit dem galoppierenden Wildpferd vor untergehender Sonne, ruft bei Ihnen zwar Erinnerungen an Ihr Kinderzimmer hervor, stimmt Sie aber nicht wirklich zuversichtlich.

Schliesslich naht der Moment, wo Sie - bitte gestatten Sie die geschlechtliche Einseitigkeit - dem Mann gegenübertreten, der Ihre Hoffnung ist und Ihre Rettung werden soll. Unabhängig von Aussehen und Kleidung hat er es in der Hand, Ihnen Vertrauen und Zuversicht mittels weniger gesetzter Worte allein aufgrund seiner Fachkenntnisse und Erfahrung einzuflössen.
Im Idealfall jedenfalls.

Natürlich haben Sie sich zu der Besprechung vor Ihrem geistigen Auge ein Bild von Ihrem Anwalt erschaffen. Nicht zu jung soll er sein, denn dann verfügt er ja unmöglich über langjährige Erfahrung. Ein Tattergreis, bei dem das Risiko besteht, dass nicht die Erledigung Ihres juristischen Problems sondern der Weg allen Irdischen das Ende des Mandates bestimmt, wäre aus naheliegenden Gründen ebenfalls nicht ratsam. So dazwischen, nicht zu jung mit grauen Haaren, weder zu dünn noch zu dick, so muss er sein.
Irgend etwas von dem, was Sie sich vorgestellt hatten, werden Sie sicherlich bei Ihm vorfinden.

Nun sitzen Sie also in seinem Büro, im günstigsten Fall an einem aufgeräumten Besprechungstisch, wahrscheinlich aber eher vor seinem Schreibtisch. Sie stellen beruhigt fest, dass Ihr Anwalt offensichtlich sehr beschäftigt ist, denn schliesslich ist sein nicht eben kleiner Schreibtisch mit Akten übervoll beladen. Zugegeben, es irritiert Sie schon ein wenig, dass Ihr Anwalt, während Sie auf seine Aufforderung hin Ihr persönliches Drama zum Besten geben, gelegentlich gedanklich abzuschweifen scheint und sein Blick versonnen auf der einen oder anderen vor ihm liegenden Akten ruht. Aber auch Sie wissen, dass viel beschäftigte Menschen oftmals die seltene Gabe besitzen, sich parallel auf mehrere Dinge konzentrieren zu können. So beispielsweise auch auf das Telefon, das zu klingeln beginnt und Sie zum Innehalten in Ihrer Erzählung zwingt, da der Anwalt, seine Unentbehrlichkeit mit einem koketten Lächeln entschuldigend, den dringenden Anruf unbedingt entgegen nehmen muss. Immerhin gibt Ihnen die entstehende Pause die Möglichkeit, sich im Zimmer um zu sehen und sich zu fragen, nachdem Sie auf einem Ordnerrücken die Beschriftung Schmidt, Alfons ./. Strafsache. Vorenthaltung von Sozialversicherungsabgaben gelesen haben, wie viele Alfons Schmidts es wohl in Ihrem kleinen Städtchen außer Ihrem Chef noch gibt und ob man immer noch krankenversichert ist, wenn der Arbeitgeber die Krankenkassenbeiträge nicht abgeführt hat.

Bevor Sie zu einer Lösung gekommen sind, hat Ihr Anwalt das Telefonat jedoch bereits beendet und sich Ihnen wieder zugewandt mit den Worten: "Wo waren wir stehen geblieben? Ach, fangen Sie am Besten noch einmal von vorne an."

Sie schlucken und blicken zur Tür. Sie ist geschlossen. Der Fluchtweg ist versperrt. Sie beginnen wieder von vorn, diesmal etwas schneller, Sie haben ohnehin das Gefühl, dass Ihr Gegenüber nicht ganz bei der Sache ist.

Als Sie zum Ende kommen, sind Sie trotz Ihrer zwischenzeitlich etwas kritischeren Einstellung zu den Anwälten im Allgemeinen und Ihrem Anwalt im Besonderen auf den Ihnen zuteil werdenden Rat gespannt. In Anbetracht der Tatsache, dass Anwaltskanzleien letztendlich Wirtschaftsunternehmen sind und ihr Ziel neben der Suche nach Gerechtigkeit auch das der Gewinnmaximierung ist, spricht einiges dafür, dass Ihr Anwalt zunächst seine Stirn in sorgenvolle Falten legen wird, um Sie in einem anschliessenden Monolog auf die Risiken und möglichen Auswüchse Ihres Falles hin zu weisen, an die Sie nicht einmal im Traum gedacht hatten. Immerhin wird Ihnen so vor Augen geführt, wie glücklich Sie sich schätzen können, trotz des aus Ihrer Perspektive eher kleinen Deliktes noch auf freiem Fuss zu sein.

Sodann wird ein Blitzen in den Augen Ihres Anwaltes die Strategieerörterung einläuten, die sich für Sie zwar simpel, aber dennoch recht überzeugend anhört: im Moment ermittele die Staatsanwaltschaft ja nur gegen Sie. Am besten man warte die Anklageerhebung ab und im Gerichtstermin werde man dann die völlig unzulänglichen Beweismittel zerschmettern und als glorreiche Sieger den Saal verlassen. Im übrigen sei für Sie ein Richter zuständig, der nicht nur ein Duzfreund Ihres Anwaltes sei, sondern den Ihr Anwalt anlässlich der vierzehntägigen Treffen seines Clubs regelmässig sehen würde. Es könne also gar nichts schief gehen.

Sie sind beruhigt. Alles wird gut werden. Die nicht gerade zimperliche Vorschussrechnung Ihres Anwaltes ist zwar für den zu erwartenden Zeitaufwand eine fürstliche Entlohnung, rechtfertigt sich aber aufgrund der exzellenten Verbindungen, über die Ihr Anwalt und offensichtlich nur Ihr Anwalt verfügt.

Dass offensichtlich irgend etwas schief gelaufen ist, wird Ihnen so richtig erst in dem Moment bewusst, als sie in der Gerichtsverhandlung verurteilt werden. Sicher, die guten Beziehungen zwischen Ihrem Anwalt und dem Richter bestanden tatsächlich, wie übrigens zu Ihrer Überraschung auch zwischen Ihrem Anwalt und dem Staatsanwalt. Man war sich offensichtlich vertraut, nur seltsamer Weise hat sich das nicht zu Ihren Gunsten ausgewirkt, zumal Ihr Anwalt in der Hauptverhandlung sich weit weniger wortreich präsentiert hat, als im Rahmen der einen Besprechung in seiner Kanzlei.

Aber Sie werden den Kopf nicht hängen lassen. Vor dem Gerichtsgebäude hat Ihr Anwalt wieder zu seinem Wortreichtum zurück gefunden und aufs heftigste dieses Skandalurteil kritisiert und seine Freundschaft zu dem Richter aufgekündigt. Notfalls, so hat er gesagt, werde er für Sie bis vor das Bundesverfassungsgericht ziehen, dort würde man schon Gehör finden.

Sie blicken ihm nach, als er mit seinem Wagen davon fährt, die Marke ist Ihnen unbekannt. Vanquish steht am Heck. Was immer das bedeuten mag.

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Letzte Bearbeitung am 17.03.2006.
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